Sehen wir der nicht zu verleugnenden Tatsache ins Gesicht: Es gibt immer mehr Girlskater in unseren Gefilden. Und langsam, aber dennoch sehr sicher entwickelt sich eine kleine, aber feine Szene in Europa, und ja, auch in Deutschland. Eine Tatsache ist weiterhin, dass an einem beliebig ausgewählten Spot in unserem Land ein, mit ein wenig Glück sogar zwei skatende Mädels auf zwanzig skatende Jungs kommen und wenn wir ehrlich sind haben sich die Mädels, für die das Board die Welt bedeut, über die Jahre an ihr Quotenfrau-Dasein gewöhnt. Was jedoch wohl in der ein oder anderen stillen Minute hier und da durch so gut wie jeden Girlskaterkopf schwirrt, ist das kleine Fünkchen Sehnsucht, auch einmal mit mehreren weiblichen Gleichgesinnten skaten zu können. Was liegt da näher, als sich zu organisieren und gemeinsam auf Tour zu gehen? Skatetouren basieren für gewöhnlich auf dem finanziellen Background eines oder mehrerer Sponsoren. Diese schicken dann ihre zu meist übernächtigten Fahrer auf die Reise, um mit haufenweise Demos und Autogrammstunden für die jeweilige Company kräftig die Werbetrommel zu rühren. Diese, unseres Wissens nach, erste deutsche Girlskater-Tour differenzierte sich entschieden von diesem Modell. Alles wurde aus eigener Tasche finanziert und basierte aus der simplen Motivation heraus gemeinsam eine gute Zeit zu haben. Das einzige wofür wir mit einem komplett reinen Gewissen ganz kräftig auf die Werbetrommel schlugen war Girlskateboarding. Frei nach dem Motto: Skate, make friends and have fun!

An einem Samstag im März 2004 trafen sich also Karen aus Bremen, Katja aus Düsseldorf, Chrissie aus Münster und meine kölsche Wenigkeit am Münsteraner Bahnhof,
von wo aus es nach Eindhoven, Niederlande in die Area 51-Skatehall gehen sollte. Karen und Chrissie begrüssten mich gut gelaunt und voller Vorfreude auf ein skatereiches und spassiges Wochenende pünktlich zum verabredetem Zeitpunkt am
Bahnsteig. Da Katja noch eine halbe Stunde auf sich warten liess, verstauten wir erstmal unsere Boards und Bags in Chrissies Wagen und machten einen kleinen Abstecher in die münsteraner City, um auch Chrissies Kamera mit genügend (Film-)
Futter zu versorgen. Nun komplett ausgestattet sammelten wir Katja ein und starteten in Richtung Eindhoven. Eine zweistündige Fahrt galt es hinter uns zu bringen. Man hatte sich eine Menge zu erzählen, so verging die Zeit beinahe im
Flug und die Vorfreude auf das, was da kommen mochte, sowie nicht zuletzt Mister Harry Belafonte und die Muppet-Show-Crew aus dem CD-Player sorgten für eine ausgelassene Stimmung.
In Eindhoven angekommen fanden wir eine angenehm leere
Halle vor, die meisten Locals befanden sich wohl aufgrund des hervorragenden Wetters an irgendeinem Outdoorspot, beim Extravaganza-Rookie-Cup in Amsterdam, oder waren von ihrer nicht skatenden besseren Hälfte dazu verdonnert worden, den
Abwasch zu machen.
Karen ging sogleich mal richtig steil. Nach kürzester Einfahrzeit zauberte sie einen fetten Backside Flip über die Hip, um dann gleich weiter mit Kick-, Frontside-, Backside-, und Varialflips in der Bank
durchzustarten. Smoothe Frontside 50-50 Shove it offs auf dem Curb der grossen Box wechselten sich in Folge mit noch netter anzusehenden Bs Noseslides Shove it offs ab. Die lange Ledge wurde gerade von ihr mit Fs 50-50's bearbeitet, als in
mir - wohl auch bedingt durch Karens ungeheuer inspirerender Fahrkünste, der enorme Drang aufstieg, mich zu Chrissie in den Bowl zu gesellen. Karens langen Crooked Grind am Table der grossen Box nahm ich dann aber noch mit. Eins war jetzt
schon klar, die Dame riss auf der Streetfläche verdammt noch mal einen Hammer nach dem anderen, während Katja sich im Flat austobte.
Nachdem ich mir im Bowl mein Board gegen den Daumen gedonnert hatte und Chrissie bei einem Air to fakie hart ins Flat slammte, zogen wir eine kleine Pause vor und bekamen prompt von Karen ein fettes Trostpflaster präsentiert: ein stylisher Kickflip über(!) dem Coping der Miniramp. Respekt! Und so rollten wir vier Ladies frohen Mutes bis die Shirts durchgeschwitzt waren und der Zeitplan es vorsah, weiter zu ziehen. Für das leibliche Wohl sorgte eine Fastfoodkette, die hier keine namentliche Erwähnung finden soll, weil es einem sowieso grundsätzlich speiübel ist, nachdem man sich dort gesättigt hat. Eben darum ist es umso verwunderlicher, wie begeisterungsfähig der gemeine Eindhovener an sich für diese Art der Ernährung zu sein scheint. Ein langer Stau vor der Burgerbude, dank enormen Andrangs im Drive In und ein bis auf den letzten Platz gefülltes Restaurant werfen einem schon das ein oder andere Fragezeichen auf. Wir nahmen also den Begriff Fastfood recht wörtlich, schmissen uns fix Burger, Pommes, Salat und Cola im Auto rein und machten uns dann auf den Weg nach Amsterdam, um pünktlich zur angekündigten Contestparty im Overground-Skatepark aufzuschlagen. Robbie alias Herzensbrecher Williams sang dann auch mal prompt die ausgepowerte Karen und die müde Katja in den Schlaf, während Chrissie kräftig auf’s Gas drückte und ich mehr oder weniger strebsam damit zu tun hatte, niederländische Autobahnschilder, mit eigentlich vollkommen nichtigen Hinweisen, zu übersetzen. Nach circa dreimal Robbie - Live in Concert erreichten wir den notorischen Autobahnring Amsterdams. Die Ausfahrt Landsmeer war mehr oder weniger zufällig schnell gefunden und auf der Rückbank erwachten inzwischen unsere beiden Grazien aus ihrem Schönheitsschlaf. Die Kombination aus Strassenschildern, die man womöglich nicht einmal mit ärztlich bescheinigten Adleraugen zu entziffern vermag, Strassenkarten auf denen grundsätzlich nicht die Strasse, die man suchte, zu finden war, eine Menge nerviger Einbahnstrassen und komplett ahnungslose Tankwarte, die man abgekämpft nach dem richtigen Weg fragte, liessen uns ganze fünfundvierzig Minuten durchs mittlerweile penetrant idyllische Landsmeer kurven. Bis uns dann ein absolut heiterer, runder alter landsmeerder Passant mit der typisch fröhlichen niederländischen Gelassenheit die gute Laune zurückgab und uns zudem noch - wer hätte noch dran geglaubt? - den richtigen Weg zum Landsmeerderdijk zu weisen wusste. Da lag er nun, der Overground-Skatepark. Böse Popstar-Mania Assoziationen stiegen bei diesem Namen in mir hoch. Glücklicherweise war bei einem scheuen ersten Blick in die Halle keine Boygroup zu sehen.
Während die Jungs, sowie die Niederländerinnen Jenny und Yildiz sich im Bowl für den bevorstehende Rampjam und die Bowlbash-Qualifications einfuhren, gaben
Chrissie und ich noch uns noch etwas Vertfeeling. Und wo war Katja? Katja chillte. Beinahe hätte ich ja vor lauter selber skaten den eigentlichen Contest verpasst, aber Vincent van der Veens leckerer Frontside Ollie One footed, Cris
Dijkmans Backside Lipslide, Elco der Konings lange und noch längere 5-O’s to fakie, als auch Olys saubere Smithgrinds über die Hip sorgten definitiv für ein zufriedenes Staunen auf meinem Gesicht. Das Finale habe ich dann, weil ich Karen
gefilmt habe, tatsächlich verpasst, aber nichts desto trotz gibt es hier die Ergebnisse:
1) Aldo Niemeiyer
2) David Martelleur
3) Oliver vd Oergrond
4) Paul Verbraak
5) Erwin Prent
6) Cris Dykamn
7) Felco de Koning
8) Vincent van de Veen
Die Uhr schlug inzwischen sechse und wir mussten uns schweren Herzens aufraffen und uns wieder auf die Autobahn Richtung Heimat begeben. Nach einer eher stillen Heimfahrt und einem
klitzekleinem bisschen verfahren - man sollte mir besser keine Karte in die Hand geben! - erreichten wir schließlich wieder Münster, von wo aus es uns wieder per Deutsche Bahn nach Bremen, Düsseldorf und Köln verschlagen sollte. Chrissie
war ja schon so gut wie daheim, was auch durchaus gerecht war, schließlich hatte sie konsequent hinterm Steuer gesessen und uns sicher ins und durchs benachbarte europäische Ausland kutschiert. Auch an dieser Stelle noch mal ein fettes Lob
dafür. Und sowieso auch dafür, dass sie überhaupt die Idee zu dieser Tour hatte. Ebenfalls geht ein genauso fettes Lob an Karen und Katja raus, die prompt Feuer und Flamme waren und sich mit uns auf die Reise begaben. Ach Mädels, wenn ihr
mich fragt, dass schreit ganz laut nach einer Wiederholung. Also, bis zum nächsten Mal, zur zweiten deutschen Girlskatertour. Ich bin jetzt schon mehr als gespannt, wohin uns die Strassen führen werden.
Was stattdessen zu erblicken war, waren Skater mit spektakulärem Pop und eine allgemeine, wie sie in Skatehallen begrüssungswerter Weise anzutreffen ist,
allumgreifende Rollbrett-Mania. Von einer Party, zu der wir ja mittlerweile schon zu vorgerückter Stunde angereist waren, war nichts zu sehen. „Wie, keine Party?“ „Na ja, auch gut!“ So holten wir unsere Bretter aus dem Wagen und machten
uns mit den Rampen bekannt. Schön zu fahrende Vert, das muss man sagen. Aber eigentlich war die Luft für diesen Tag raus. Die Knochen, Muskeln und Sehnen waren müde und der Kopf war unruhig. Ein Hotel hatten wir nämlich nicht vorher
gebucht. Aber der zuvorkommende, leicht beschwippste junge Mann hinter der Snackbar der Halle rüstete uns mit einem Hotelhinweis und einem - aus einem Telefonbuch ausgerissenem - Stadtplan, auf dem er noch ein paar gute Partylocations
markierte, sowie Amsterdamer Überlebenstipps aus. Also ab zum Hotel. Ausgebucht. Irgendwie war das klar. Habe ich jemals in Amsterdam ein Hotel vorgebucht? Nein! Habe ich jemals ein Hotel in Amsterdam City bekommen? Nein, natürlich nicht! Umso erfreulicher, dass uns der nette Portier des Landsmeerder Hotels noch zwei Doppelzimmer in Amstel organisieren konnte. Also wurde in Lichtgeschwindigkeit nach Amstel gepest, eingecheckt und sich auf die Betten geworfen. Aufgrund des zu weit ab vom Schuss sein und aufkommender Müdigkeit wurden unsere Partypläne verworfen und sich einstimmig für einen Schlummertrunk vor dem Fernseher mit Chips, Gummizeugs und Stroopwaffels entschieden. So zogen wir uns also Naschereien und eine komödiantische Schnulze mit Jason Lee in der Hauptrolle im begrüssungswerten englischen Originalton rein, bis wir vier, inzwischen reichlich übermüdet, aber dennoch glücklich den Weg ins Traumland suchten und schliesslich auch fanden.
Am nächsten Morgen wurden wir dank verpennter Uhrumstellung auf Sommerzeit schon um 11 aus dem Hotel geschmissen. Fix wurde noch das Frühstück eingeschmissen und wieder nach Landsmeer gekurvt. In der Halle herrschte bereits reger
Betrieb. Zu unserer Überraschung wurden die beiden Halfpipes gerade von zwei Damen gerippt, während eine andere Krönung der Schöpfung ordentlich den Bowl bearbeitete. Sowiel weibliche Skatepräsenz spornte natürlich an. Karen riss sich mal
wieder gleich die Streetfläche unter den Nagel und machte mit hohen Kick- und Heelflips in der Bank, Fakie Halfcab Noseslides und Backside Fifty-Fifties Shove it offs am kleinen Curb, Frontside Noseslides die lange Ledge runter, Frontside
Fifty-Fifties komplett über die Ledge, sowie einem Fakie Frontside Flip (first try) im Flat klar, wer die Königin des Streetskatens dieses Sonntags war.
Words: Steph
Photos: Chrissie
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girlskater@chris-pics.com
© 2001 - 2007 Chrissie Stegt